Texte

AUFDECKEN DURCH ZUDECKEN

Rolf Thiele zu den Bildern von Nicola Hanke

Was eigentlich zeigt uns Nicola Hanke in ihren Bildern? Was wir sehen, kennen wir schon, so glauben wir zumindest. Wäre da nicht das Detail, der Ausschnitt. Aber auch dies ist in der konventionellen Kunst ohnehin die Eigenschaft von Bild, es ist Ausschnitt. Der still gestellte Teil einer fließenden, sich ständig verändernden Realität. Auch deshalb heißt es, ein Bild kommt nicht nach dem und nicht dem nach, wovon es Bild ist. Nicola Hanke ist offensichtlich bemüht, die Differenz zwischen fotografiertem Bild und gemaltem Bild so gering wie möglich zu halten. Betrachten wir eines der jüngeren Bilder, welches den Blick auf einen Teil einer so genannten Tages- oder Überwurfdecke bannt. Eine gemusterte (Häkel-) Decke mit sehr geringer Durchlässigkeit zwischen den Maschen auf das Verdeckte. Die Bildsensation ist hier nicht das Gezeigte, sondern das Verborgene. Der abgebildete dingliche Sachverhalt bannt zwar, nicht zuletzt ausgelöst durch solide, handwerkliche Genauigkeit, den Blick für einen Anfangsmoment, löst sich aber dann davon ab in Richtung auf das Nichtgezeigte.

Der in jeder ästhetischen Erfahrung notwendige erste Schritt vom Ding zum Unbedingten hat eingesetzt und begünstigt, ermöglicht damit die Bildung des Zwischenraumes, in welchen die Bedeutung mittels Interpretationsarbeit einwandern kann. Durch die Strategie der Negation wird die Thematisierung der Malerei im Kontext von Kunst betrieben. Aufdecken durch Zudecken, und dies sowohl auf der Ebene der Motive, als auch auf der Ebene der Art und Weise der Malerei. Affirmation gegenüber der Malerei und der durch sie gezeigten Motive schlägt um und löst sich auf in Negation.

Warum schlägt das Nichtgezeigte gerade hier als Kunst zu Buche? Der ästhetisch-künstlerische Effekt tritt ein, weil der Zusammenhang zwischen Zeigen und Verbergen ins Bewusstsein tritt. Es entsteht so Fragwürdigkeit. Und Kunst kommt in Frage. Das Ästhetische ist der Gewinn einer Anschauung von etwas, was in Frage kommt und gleichzeitig hätte als banal und wertlos übersehen werden können. Wo zuvor der Teil einer alltäglichen Überwurfdecke war, gemalt als ginge es darum, das Foto zu überbieten, bildet sich die Anmutung eines privaten Verstricktseins. Es entsteht der Bezug zwischen einem Objekt und einem Subjekt, den man durchaus als eine individuelle Bedeutsamkeit oder als die Ordnung der Interpretation bezeichnen kann.

Die im Bildmotiv gezeigte Tages- oder Überwurfdecke hört auf, den Blick des Betrachters zu halten, dadurch verlässt der einzelne die Bezirke seiner und des Bildes Alltäglichkeit und tritt in eine selbst geschaffene Außerall- täglichkeit. Auslegung macht aus den gezeigten Dingen der Alltagswelt, dem besonderen Allgemeinen, Kunst und somit das allgemeine Besondere. Auslegung tritt vor allem dann auf den Plan, wenn die gezeigten Dinge einen Begründungs-zusammenhang aus sich heraus verweigern. Die Bilder von Nicola Hanke funktionieren nicht mehr nach dem Prinzip des besonderen Werkes, sondern nach dem Prinzip der Auslegung. Sie bedient sich der Phänomene der Alltagswelt und transformiert sie durch ihre Malweise in den Anspruch auf Besonderheit. Sie produziert nicht neue Dinge für ein altes, dem Alltag entstammendes Sehen, sondern produziert ein neues Sehen für die alten, bekannten Dinge – und fordert damit die Betrachtenden auf, sich ihrem Sehen anzuschließen. Sie sendet einen besonderen Blick, wahrscheinlich wissend, dass wir nur das sehen, was uns anblickt. Und wenn mich etwas anblickt, kann ich diesem gegenüber nicht unempfindlich bleiben. Ich werde in eine Empfindung gestoßen, eine Empfindung, die ich mit Selbstwissen gleich setzen möchte.

RT Mai 2008